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Es wäre so…

Gedichte und Aphorismen

Kurt Haberstich gehörte zu jenen Alpinisten, denen die ganz grossen Routen der Alpen und die höchsten Gipfel der Welt vorbehalten sind. Jede freie Minute, Sommer und Winter, bei schönem und bei schlechtem Wetter war Haberstich unterwegs, bergsteigerischen Zielen entgegen.

Nun seit Anfang 1989 ist Haberstich nicht mehr Bergsteiger. Ein folgenschwerer Gleitschirm-Unfall hat ihn berguntüchtig werden lassen. Jetzt erst zeigte sich, dass Kurt Haberstich im Grunde seines Wesens mehr als nur bergsteigerische Ziele verfolgt hatte, sonst hätte der Schicksalsschlag eine lähmende Wirkung haben müssen. So aber trat das Gegenteil ein: Der Schock mit seinen Folgen löste neue Impulse aus, liess den Menschen Haberstich still werden – „noch stiller werden“ – wie es in einem Gedicht seines ersten Bandes heisst, und so durfte er mit reinen Händen das Geschenk des Lebens neu entgegen nehmen.

Alpinismus, der während zwei Jahrzehnten der Inhalt seines Lebens gewesen war, hatte für Kurt Haberstich mit „Grenze“ zu tun. Als Bergsteiger ging es ihm darum, die eigene Leistungsgrenze kennen zu lernen. Er wollte die letzte Grenze des noch Gehbaren in Fels und Eis ausloten, er wollte das äusserste Mass an Mühsal, Hunger, Durst und Kälte an sich selber erproben. Der Unfall mit seinen Folgen setzte den Bergsteiger schachmatt, aber gleichzeitig eröffnete es dem Menschen Haberstich das Tor zu neuem, innerlichem Erleben. Kurt wandert weiter ohne Bergschuhe, neuen, unbekannten lockenden Horizonten entgegen. Das Urvertrauen, das ihn auf allen seinen einsamen Bergfahrten begleitet hat, ist ihm geblieben. Es ist jenes gläubige Vertrauen, dem wir in dem Gedicht begegnen, wo sich der Berg „herabbeugt“ um den Gefallenen hinaufzuheben auf den höchsten Punkt, „damit ich frei von allem Schmerz, mir selber könnt entsteigen“, heisst es dort.

So wie Kurt früher auf seinen „alpinistischen Wanderungen“ berühmte Gipfel und Routen wie „nebenbei“ zufielen (die andere „machten“ um ihr bergsteigerisches Soll zu erfüllen), so gehen ihm heute Geheimnisse auf, die nur der erfährt, der sich der Stille öffnet. Stille ist für ihn eine elementare Macht, die ihn wie ein Gipfelsturm zuinnerst ergreifen, ihn bis auf die Grundfesten des Mensch-Seins erschüttern kann. Was Kurt von seinen Wanderungen in die Stille zurückbringt in unsere überzivilisierte Welt, sind Erlebnisse, Erkenntnisse und Einsichten, sind in einfache Worte gekleidete Kostbarkeiten, die wir dankbar entgegennehmen. Sie geben uns Kunde von einer anderen Welt – jenem Reich, das unsere von Schein-Geborgenheit erblindeten Augen oft nicht mehr zu erkennen vermögen. Wie Lichtstrahlen, die eine Nebelwand durchdringen, treffen uns Verse, Worte eines Menschen, der lange in das tiefe, unzerstörbare Blau des Himmels hinein geschaut hat.

Rudolf Burger