Aargauer Tagblatt (14. Juli 1990)
Gedanken der Tiefe
„Be-Sinnlichkeit“, Gedichte des Oberentfelders Kurt Haberstich
Manchmal entdeckt man Kostbarkeiten dort, wo man sie gar nicht vermuten würde. Der in Oberentfelden lebende Kurt Haberstich hat im Verlag „Der Landanzeiger“ sein erstes Bändchen mit Gedichten und Aphorismen veröffentlicht. Das Büchlein enthält zudem reizende Zeichnungen aus Skizzenbüchern von Felix Hoffmann. Vor allem auf dem gebiet der Lyrik wird es für Autoren immer schwieriger, renommierte Verlage zu finden, denen tatsächlich die Vorzügen des Gedichts mehr bedeuten als etwa die Kaufkraft des Namens. So sind in den letzten Jahren sehr viele Schreibende dazu übergegangen, ihre Gedichte selber zu veröffentlichen. „Einzelgänger“ arbeiten allerdings mit dem Nachteil, dass bei der Auswahl der Gedichte ganz einfach die „zweite Stimme“, das Urteil des Lektors fehlt, der da oder dort Spreu vom Weizen trennen kann.Aber soll man über Gedichte urteilen? Es sind doch persönliche Gedanken, die sich uns in schönster Kunstform nähern, Worte, die uns treffen oder eben gleichgültig lassen. Kurt Haberstich schreibt eine naturnahe Lyrik. Es sind beschwörende Worte, mit denen er den positiven Sinn unseres Daseins erforscht, indem er die Schatten anwachsen lässt. Immer wieder begegnen wir bei ihm den Traumbildern, die zurückführen in „versiegelte Jahrtausende“ oder zu heimatlos treibenden Eisbergen. Aber immer webt er mit seinen Worten auch Gedanken der Hoffnung. Er zielt auf die Dinge, die uns in dieser Welt Geborgenheit versprechen:
Aufwachen
–
in die
Schönheit
der Natur
sich versenken.
Stärken
am
unerschöpflichen Quell
der
Betrachtung.
Am Ort
wo
Beginn
und Ende
sich nahe
sind.
Spüren
wie die
Last der
Zeit
verfällt.
Mit „Kein
Wort zuviel“ hat er eines seiner schönsten Gedichte überschrieben. Und es hält
das Versprechen, das im Titel anklingt, bricht nicht das Gesetz des lyrischen
Schaffens, das jeden Ballast abwirft; das Gesetz, das jedes überflüssige Wort,
das den Gedanken verletzen könnte, ausschliesst, um das „Verschweigen nicht zu
schmälern“, wie der Autor es trefflich ausdrückt.
Schöne
und wahre Bilder dann auch in den Aphorismen, die den Band abschliessen. Hier
ist allerdings anzumerken, dass der Autor Gedanken „ordnet“, die so nicht neu
sind. Hier, und auch dort, wo sich in den Gedichten manchmal eine spürbare
Frömmigkeit einschleicht, hat vielleicht der oben erwähnte Lektorenstift
gefehlt. Aber wer weiss, möglicherweise sind das die Tiefen, in die Leser der Gedichte
nur ganz persönlich eindringen kann.